Ein Ehemaliger blickt zurück

Ein Ehemaliger blickt zurück
(Juni 2016)

Am 2.6.2016 erschien ein Artikel im Magazin des Kölner-Stadt-Anzeigers über Marvin Stutzer. Marvin hat im Rahmen von Klinikaufenthalten unsere Schule, die Johann-Christoph-Winters-Schule (die sog. „JCW-Schule“), besucht.

Auf unsere Frage, ob wir über ihn berichten dürften, schrieb er sofort zurück ...
Ihr könnt gerne den Artikel wiedergeben und verlinken. Noch lieber aber würde ich euch einen eigenen Text, einen Rückblick über meine Zeit an der JCW und deren positive Folgen für meine Schullaufbahn schreiben. =)“

Wir brauchten nicht lange warten... der Artikel kam...

"Ich habe einen etwas ausführlicheren Text verfasst, ... Wenn es auch für Schüler*innen der Grundschule gedacht sein soll, ist es viel zu ironisch und verschachtelt, aber es soll ja vielleicht auch einen authentischen Eindruck meiner Denk- und schriftlichen Ausdrucksweise verschaffen. :-).

Ohne die Zeit in der JCW hätte ich sicherlich keinen Schulabschluss bekommen und -was mir persönlich wichtiger ist - nicht die Gelegenheit gehabt, so viele Jahre zur Schule zu gehen und dort - neben Vielem, was mich eher genervt hat- inhaltlich interessante Bücher zu lesen und Themen zu diskutieren.

Liebe Grüße, Marvin"

JCW? Alaaf!

Anfang der vierten Klasse hatte sich für die Lehrer*innen meiner katholischen Grundschule in einem Dorf zwischen Köln und Aachen herausgestellt, dass ich nicht mehr "beschulbar" war.

Zwar fehlte ich nie im Unterricht (solang man mich nicht beurlaubte) und schrieb ganz gute Noten (vom Rechnen abgesehen, das ich ab dem kleinen Einmaleins aufgegeben hatte), doch mein Verhalten im Klassenraum ließ wohl sehr zu wünschen übrig. Gerne lief ich in der Klasse auf und ab, sang oder rief irgendetwas in den Raum rein, das anscheinend nicht zum Thema passte.

Gleichzeitig war ich von den meisten meiner Mitschüler*innen ganz klar überfordert. Ich wusste nicht, wie man sich prügelt und sah keinen Sinn darin, es zu erlernen. Dafür konnte ich sie aber immer ganz gut mit Worten provozieren und so meistens dafür sorgen, dass die anderen den Ärger bekamen. Ich kannte zwar die Bibel besser als sie, doch verzichtete letztlich trotz Gruppendruck darauf, Taufe und Kommunion zu absolvieren. Stattdessen nahm ich mir vor, wie meine drei einzigen Freunde, Türke und Muslim zu werden, was sich auch im Nachhinein betrachtet noch unheimlich rebellisch anfühlt. Aber ich möchte nichts beschönigen: Nicht selten bestanden meine Provokationen in sexistischen Sprüchen und Kommentaren, die weder zum Unterricht noch zu seiner Kritik beitrugen.

Nach den Herbstferien, sagten mir meine Eltern, würde es für mich in die Tagesklinik gehen. Ich war ungeheuer wütend, meine Schule verlassen zu müssen. Von nun an wurde ich jeden Morgen mit dem Taxi nach Köln und jeden Nachmittag zurückgefahren.

Das Programm in der Klinik gefiel mir überhaupt nicht und erinnerte mich stark an den Kindergarten, in dem es mir auch schon immer unheimlich schwer gefallen war, mich mit anderen Kindern "frei" zu beschäftigen: Spielen, Basteln und Small Talk halten gehören bis heute zu meinen Unlieblingsbeschäftigungen. Um es kurz zu machen: Ich fand's dort weitgehend fürchterlich. Ein absoluter Höhepunkt war es jedoch, einmal wöchentlich mit meiner "Bezugsbetreuerin" mit der 9 zum Neumarkt zu fahren und die Stadt anzuschauen. Meine Eltern waren, als ich 5 war, gegen meinen ausdrücklichen Willen mit meiner Schwester und mir aus Köln weggezogen.

Von Herbst 2001 bis Sommer 2002 war ich Schüler an der Johann-Christoph-Winters-Schule, einer Schule für Kranke. Ob "krank" die richtige Bezeichnung für meinen Zustand war, war ich mir schon damals nicht ganz sicher. Und auch heute finde ich es irgendwie komisch: Wenn Kinder in der Schule Probleme haben, weil sie nicht stillsitzen können, sollte man da nicht eher das Schulsystem als das Kind hinterfragen?

Jedenfalls kam ich nun in eine neue Schule, die auch auf den ersten Blick schon ganz schön besonders war. Villa Kunterbunt, in meiner Klasse plötzlich nur noch 5 statt 18 Schüler*innen. Die Schule war auf jeden Fall der schönste Teil des Klinik-Tages. Wir haben ungeheuer viel vorgelesen bekommen, Ben liebt Anna und andere spannende Geschichten. Wir durften zwar nicht selbst entscheiden, was wir wann lernen wollten, aber die Lehrer*innen gaben sich große Mühe, mich ganz individuell zu fördern und das große Ziel zu erreichen: Die Grundschule erfolgreich abzuschließen und auf die Weiterführende gehen zu können.

Im Rechnen lief es immer noch nicht besser, ich erinnere mich noch, wie Frau Falke-Laser sagte: "Das muss ich dir noch beibringen, vorher kann ich dich nicht gehen lassen!" Ich glaube, es war das schriftliche Multiplizieren und Dividieren und ich glaube, ich habe es schnell wieder vergessen. Das mit dem Grundschulabschluss ist mir dann aber trotzdem gelungen.

Nach langer Suche und vielen Gesprächen hat sich auch tatsächlich eine neue Schule für mich gefunden: Dank der Diagnose "Asperger-Autismus", die die Tagesklinik stellte und der Einstufung als Schüler mit besonderem Förderbedarf konnte ich zum neuen Schuljahr auf die Anna-Freud-Schule wechseln, wo ich 9 Jahre bis zum Abitur bleiben sollte.

Die JCW habe ich dabei so schnell nicht aus den Augen verloren: Zweimal jährlich kam ich an Karneval und St.Martin vorbei, um in der Hauskapelle "et Trömmelche" zu spielen. Das war immer ein spannender Ausflug zurück in meine Kindheit und in zwei Milieus, mit denen ich ansonsten nicht mehr viel zu tun hatte: Kirche und Fastelovend. Die Geschichte mit dem Mantel finde ich bis heute komisch: Warum schafft man nicht einfach alles Militär ab, schließt sich zusammen und produziert gemeinsam so viele Mäntel, bis allen warm wird?

Mit 16 Jahren kam ich übrigens noch einmal kurz in den Genuss, ein JCW-Schüler zu sein. Nach dem Übergang in die gymnasiale Oberstufe vertiefte ich mich so grundlegend in philosophische Sinnfragen, dass ich irgendwann ganz doll von der Sinnlosigkeit allen Seins überzeugt war - und mich freiwillig für ein paar Wochen in die Jugendstation einweisen ließ. Nach ein paar Tagen hinter verschlossenen Türen fand ich im "Jugendlichenausgang" auf der Zülpicher Straße und auf dem Schulweg Richtung Lindenburger Alle zurück in den großstädtischen Alltag. Neben ein paar Gesprächen mit alten Bekannten erhielt ich in der Klinikschule einen guten Einführungskurs in lateinische Konjugationen und Deklinationen, bevor ich kurz nach dem alljährlichen Martinsumzug wieder zurück ins Müngersdorfer Oberstufendasein wechseln konnte.

Marvin Stutzer

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Das Nachwort soll die Lehrerin von Marvin haben, unsere Kollegin Birgit Falke-Laser,
die rückblickend folgende Worte an ihn richtet.

„Als ich gehört habe, dass sich Marvin für ein Interview im „Kölner-Stadt-Anzeiger“ zur Verfügung stellen wird, habe ich mich sehr gefreut. Ich wusste, dieses wird ein ehrlicher Artikel, der nichts beschönigt.

Nachdem ich den fertigen Artikel dann gelesen habe, war ich sehr stolz auf „meinen“ Marvin, dass er so mutig und offen über sich gesprochen hat.

Ich bin aber auch stolz auf Marvin, dass er trotz seiner Schwierigkeiten und seinem „Anders-Sein“ einen so guten Weg geschafft hat bis heute und eine so großartige Entwicklung durchlaufen hat.

Marvin war im Alter zwischen 9 und 10;7 Jahre lang mein Schüler, damals im 4. Schuljahr. Es war nicht immer einfach, denn Marvin kam oft auf die kuriosesten Ideen, auch mitten im Unterricht. Im Fach Mathematik haben wir beide besonders viel Kraft gelassen!

Umso mehr freue ich mich heute persönlich sehr darüber, dass ich Marvin kennen gelernt habe und ihm ein Stück eine Wegbegleiterin sein konnte.

Durch das gemeinsame Trommeln in der JCW-Hauskapelle hielten wir auch nach Marvins Entlassung aus unserer Schule Kontakt und ich konnte seinen weiteren schulischen und persönlichen Werdegang mitverfolgen.

Ich bin davon überzeugt, dass Marvin weiterhin einen guten Weg gehen wird, wenn auch nicht immer geradeaus, aber immer zielgerichtet und wünsche ihm von ganzem Herzen alles Gute dafür." 

Birgit Falke-Laser

     
                        Der Artkel aus dem Kölner-Stadt-Anzeiger, 2. Juni 2016